(Wie) lernt man mit Technik besser? „Design-based research“ als praxisorientierte Forschungsmethode

So alt wie die Frage nach Henne und Ei: Verbessert der Einsatz von Technologien im Unterricht nachhaltig Lernprozesse und gar das Bildungssystem in seiner Gänze? In ihrem fast schon als Brandschrift zu bezeichnendem Forschungsbeitrag „Design-Based Research and Educational Technology: Rethinking Technology and the Research Agenda“ verneinen die Autoren Amiel und Reeves dies ganz klar:

„[E]ducational technology research aimed at examining the influence of tools in the educational
process has offered little systematic advice to the practitioner.“ (Amiel & Reeves 2008, 30)

Mit anderen Worten: Solange Technologien, wie eben das Internet generell, iPads oder spezielle ‚Lernapps‘, als Artefakte betrachtet und daraufhin untersucht werden, welchen theoretischen Nutzen sie für den Bildungsbetrieb haben, verändert man damit nicht den Lernalltag einer 5. Klasse in Bayern.

Keine Zusammenarbeit zwischen Praktikern und Forschern

Dieses Problem wird noch dadurch verschärft, dass es kaum echte und intensive Zusammenarbeit oder kollaborative Projekte zwischen den Forschungseinheiten (z.B. an der Uni) und den Praktikern (Schullehrer/innen, Dozenten an Universitäten) gibt. Amiel und Reeve bezeichnen die vorherrschende Forschungstradition als „Predictive research“, also eine „voraussagende Forschung“, die Problemstellungen v.a. aus der Theorie und von Beobachtungen aus der Ferne herleitet; daraus resultierende Hypothesen werden dann anhand künstlicher Experimente getestet, um wiederum Theorien zu generieren, die erst dann im letzten Schritt den Weg in die Praxis finden. Ein Großteil des Forschungsprozesses findet also in der Theorie und losgelöst von den echten Problemen der Praxis statt.

Amiel, T., & Reeves, T. C. (2008). Design-Based Research and Educational Technology: Rethinking Technology and the Research Agenda. Educational Technology & Society, 11 (4), 29–40.

Design-Based Research vs. Predictive Research (Amiel & Reeves 2008, 34)

Praxisorientierte Forschung: „Design-based research“

Dem wird der Forschungsansatz „Design-based research“ entgegengestellt: Hier arbeiten Theoretiker und Praktiker eng zusammen: Bereits die Identifikation des Grundproblems erfolgt in Zusammenarbeit mit denen, die es unmittelbar betrifft. Bei der Lösungsfindung werden natürlich auch theoretische Gedanken miteinbezogen, das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Ausprobieren. In mehreren Review-Schleifen (Trial & Error) wird versucht, die für die Problemstellung ideale (technische und pädagogische) Lösung zu finden. Am Schluss steht die Abstraktion von Design-Prinzipien für künftige oder schlichtweg andere Lernkontexte.

Postulat: Unterrichtsforschung dient der Unterrichtspraxis

Das Theorie-und-Praxis-Problem der Lehr- und Lernwissenschaften ist kein neues Phänomen. Die Fronten zwischen Praktikern und Theoretikern/Forschern sind z.T. auch durch Standesdünkel, falsche oder nicht vorhandene Anreizsysteme für übergreifende Zusammenarbeit, und schlechte Rahmenbedingungen begründet. Doch man muss ich als Forscher im Bildungs- bzw. E-Learning-Bereich leider zurecht den Vorwurf gefallen lassen, dass Unterrichtsforschung sehr oft ganz wenig für die Praxis erreicht. Sicherlich haben theoretische Modelle und Begriffsstreitigkeiten ihren Wert. Sie sollten aber immer Begleiterscheinung und Nebenprodukt einer ganz auf die Praxis ausgerichteten Forschung sein. Echte, aus der Praxis hervortretende Probleme müssen verhandelt werden und zwar immer mit dem Ziel, diese zu lösen. Wir sollten also aufhören, über iPads im Unterricht theoretisch nachzudenken, sondern bspw. vielmehr daran arbeiten, dass man dem Postulat der Individualisierung im Unterricht wirklich gerecht wird, ob das nun mit iPads, verschiedenen Sozialformen, oder dem kreativen Einsatz des Lehrwerks ist, spielt keine Rolle. Vieles muss man eben erst ausprobieren, um herauszufinden, wie und ob es im speziellen Zielkontext funktioniert. Oder in den Worten von Amiel & Reeves (2008, 37):

„[E]ducational technologists must recognize the transformational potential of their profession. A primary responsibility of researchers in the field should be to limit their investigation of means and contemplate educational ends or aims, making them explicit in the process of an investigation.“


Quelle: Amiel, T., & Reeves, T. C. (2008). Design-Based Research and Educational Technology: Rethinking Technology and the Research Agenda. Educational Technology & Society, 11 (4), 29–40. Link zum PDF.

Veröffentlicht am 19. August 2016 in Allgemein, Education, Flipped Classroom, Forschung

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Franz Steinberger

Über den Autor

Franz Steinberger mag gute Inhalte - und wenn diese auf eine tolle technische Umsetzung treffen, ist er glücklich. Er wirkt bei Lernhandwerk als Konzepter, Didaktiker und Content-Entwickler.
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