MOOCs: Best Practice im E-Learning? [LHW Academy]

In der Blog-Reihe [LHW Academy] behandeln wir blitzlichtartig Themen, die in im Bereich Digital Education von Bedeutung sind. Heute geht es um  MOOCs, eine Form des E-Learning, die in den letzten 2-3 Jahren unglaublich viel Aufmerksamkeit im Bildungs- wie im Unternehmensbereich erregt hat, aber mit zunehmender Zeit an Strahlkraft verliert. Ein Grundlagenartikel.

E-Learning: PDFs runterladen und Chatten?

„Unter E-Learning (englisch electronic learning = „elektronisch unterstütztes Lernen“, wörtlich: „elektronisches Lernen“), auch als E-Lernen (E-Didaktik) bezeichnet, werden […] alle Formen von Lernen verstanden, bei denen elektronische oder digitale Medien für die Präsentation und Distribution von Lernmaterialien und/oder zur Unterstützung zwischenmenschlicher Kommunikation zum Einsatz kommen“. (Quelle: Wikipedia)

E-Learning ist demnach jede Form von Lernsituation, bei der in irgendeiner Form Digitales zum Einsatz kommt. Die zwei Kernaspekte sind dabei zum einen die Bereitstellung von digitalen Inhalten und zum anderen das digitale Vernetzen von Nutzer/-innen.Die digitale Komponente verspricht selbstredend zahlreiche theoretische Vorteile bei der Unterrichtsinfrastruktur: Unabhängig von Ort und Zeit können Nutzer/-innen von überall auf Lehrmaterialien zugreifen, wodurch Kosten für Anreise, Räumlichkeiten und Kopien entfallen; im digitalen Klassenzimmer ist es egal, ob 10 oder 1.000 Teilnehmer/-innen sitzen. Gestern konnte eine Lehrerin nur 30 Leute beschulen, im digitalen Raum auch 1.000 Teilnehmer/-innen. Einmal erstellt, kann ein E-Learning-Angebot tausende Teilnehmer_innen unabhängig von Ort und Zeit versorgen – ein spannendes Versprechen möglicher Kostensenkungen für Unternehmen. Ist das wirklich so?

MOOCs: E-Learning par excellence?

„Massive Open Online Course (deutsch offener Massen-Online-Kurs), kurz MOOC, bezeichnet kostenlose Onlinekurse, die meist auf Universitätsniveau sind und große Teilnehmerzahlen aufweisen. MOOCs kombinieren traditionelle Formen der Wissensvermittlung wie Videos, Lesematerial und Problemstellungen mit Foren, in denen Lehrende und Lernende miteinander kommunizieren und Gemeinschaften bilden können“. (Quelle: Wikipedia)

Mit anderen Worten erscheinen MOOCs als der wahr gewordene E-Learning-Traum: Hochqualitative Bildungsangebote von renommierten Hochschulen, durch das Internet völlig unabhängig von Ort und Zeit nutzbar, und gerade für bildungsferne oder finanziell benachteiligte Menschen interessant, da kostenlos und nicht an die Einschreibung oder Präsenz einer Hochschule gebunden. Warum ist da noch niemand zuvor drauf gekommen?

competitive strategy mooc lmu

Das MOOC „Competitive Strategy“ der LMU München, gehostet beim Anbieter „Coursera“.

Genau genommen ist der Gedanke der (v.a.) ortsunabhängigen Bildung alles andere als neu und trägt seit langem das Label „Distance Learning“. Das gab es wohl bereits im 18. Jahrhundert in Form von via Brief versandten Unterrichtslektionen, den Lern-TV-Sendungen der öffentlichen-rechtlichen Rundfunkanstalten in den 1970er und 80er Jahren, und natürlich durch Institutionen wie der „Fern-Uni Hagen“. Natürlich verändert der digitale Aspekt das Konzept des Distance Learning v.a. in pragmatischer Hinsicht (Bereitstellung von Inhalten). Aber interessanterweise plagen MOOCs ähnliche Probleme wie Distance Learning seit jeher:

  • Schlechte Abschlussraten: zw. 2 und 5% (je nach Studie und Quelle)
  • Erfolgreiche Teilnehmer/-innen meist aus weißen Eliten: Die ursprüngliche Zielgruppe (bildungsfern, finanziell abhängig, divers, ohne Hochschulabschluss) wird kaum erreicht.
  • Schlechte Akzeptanz bei Universitätsdozierenden: Lehrende zweifeln, ob das „Gießkannenprinzip“ vieler MOOCs mit Frontalunterricht (über Video) und wenigen Multiple-Choice-Quizzes (und echter Kontrolle) zum kritischen Denken anregt.
  • Nicht mehr kostenlos: Bei teilweise 6-stelligen Erstellungskosten sind müssen MOOCs mittlerweile zum Teil oder komplett kostenpflichtig angeboten werden.

(vgl. Romero 2016)

MOOCs: Gründe für das Scheitern

Doch wie kam es zum Scheitern der MOOCs? „Scheitern“ ist ein großes Wort – wenn beispielsweise 5% von 1.000.000 MOOC-Teilnehmer/-innen den Kurs erfolgreich abschließen, sprechen wir immer noch von 50.000 Menschen, die von einem kostenlosen Bildungsangebot profitiert haben. Doch das schlechte Durchhaltevermögen kann in Teilen auf das eigentlich überholte, wenn auch technisch aufwändig umgesetzte Vorlesungskonzept der MOOCs zurückgeführt werden – denn die meisten MOOCs bieten Inhalte qua Videoinstruktion (oft: ein Professor steht vor einer Tafel und erklärt) und testen hie und da das Gelernte durch Multiple-Choice-Quizzes. Auch die dürftig moderierten Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Teilnehmer/-innen in Foren (zehntausende Teilnehmer/-innen versus wenige Online-Tutoren) tragen nicht zur Motivation bei. Der „Wir entwickeln hier etwas völlig Neues!“-Aktionismus vieler MOOC-Entwickler/-innen ließ sie offenbar vergessen, dass sich viele schlaue Köpfe bereits seit vielen Jahren mit Potenzialen und Lösungen für digitales Lernen auseinandersetzen. V.a. aber blieb vor lauter Technikbegeisterung und Skalierungswahn ein seit Dekaden etabliertes Kernprinzip der Face-to-Face-Lehre völlig außer Acht: Lernerzentrierung. In einem lerner/-innen-zentrierten Unterricht liegt der Fokus auf sozialer Interaktion, Kollaboration, und Wissenskonstruktion. Studierende werden nicht mit Wissen beschallt, sie erarbeiten es sich in Teamarbeit (Vgl. Ubell 2017).

Ein zweites Problem ist der inhaltliche Anspruch einiger MOOCs. Um die teure Entwicklung eines MOOCs durch ein möglichst breites Zielpublikum zu rechtfertigen und dieses nach Möglichkeit bei der Stange zu halten, sind zwei Dinge nötig: 1. Einstiegshürden möglichst gering/Anforderungen allgemein halten. 2. Frustrationspotenziale innerhalb des Kurses minimieren. Um gerade zweiten Aspekt zu realisieren, wird oft das Prinizp der „Gamification“ angewandt: Durch zahlreiche Belohnungen für teilweise nur befriedigendes Verhalten sollen Teilnehmer/-innen fortwährend motiviert werden. Doch eben jenes Prinzip der stetigen Belohnung könnte der Hauptgrund sein, warum MOOCs nicht funktionieren:

[…] moocs tend to be set up in a way that minimizes frustration for students (who might drop out at any moment). There often aren’t pop quizzes or the kinds of challenges that can alienate students in traditional settings. The problem here is that easy learning does not make good learning. In fact, the very tools that we believe make for better education may also make students more likely to quit. More frequent testing, for instance, can improve memory, learning, and retention. And, sometimes, the best test of all is the test that you fail“ (Konnikova 2014).

In anderen Worten: Im Gegensatz zu unserer dopamin-geschwängerten Social Media-Kultur, wo jede Banalität durch ein „Gefällt mir!“ oder ein „Like!“ belohnt wird, ist gutes Lernen oft herausfordernd, schwierig, zäh – und stößt damit in rein digitalen Lern-Arrangements an Grenzen.

MOOCs: Learnings und Perspektiven für das E-Learning der Zukunft

Doch MOOCs sind nicht auf ganzer Linie gescheitert. Vielmehr haben sie uns gezeigt, was im digitalen Raum möglich ist und was (noch) nicht. Durch den MOOC-Hype sind ganz großartige Autoren-Tools und Lernumgebungen entstanden, mit denen sich tolle Digitalangebote erstellen lassen. Außerdem interessierten sich plötzlich viele Menschen für Bildung und Hochschulen gerieten in Bedrängnis durch die alternativen Angebote endlich selbst wieder Zeit, Energie und Geld in die Lehre zu stecken. Und es ist keineswegs gesagt, dass im gerade erst beginnenden Zeitalter der künstlichen Intelligenz nicht bald Algorithmen unseren Lernprozess nicht nur begleiten und steuern, sondern auch als Bots die „menschliche“ Interaktion übernehmen (wie z.T. bereits Realität, siehe Sprachen lernen mit Duolingo Bots). Ein Konzept, das die Stärken von E-Learning mit den Stärken der Face-to-Face-Lehre kombiniert, ist der sogenannte „Flipped Classroom“. Im Flipped Classroom findet die klassische Vermittlung von Inhalten via Videos (oder durch Lektüre) zuhause statt; man trifft sich aber eben trotzdem „im echten Leben“, um mit Menschen zu interagieren, zusammenzuarbeiten und damit gemeinsam Wissen zu schaffen. Diese Kombination von E-Learning und Präsenzlehre (Fachbegriff: „Blended Learning“) nennt Andreas Wittke (Chief Digital Officer beim Institut für Lerndienstleistungen an der Fachhochschule Lübeck) „das schlechteste aus beiden Welten“ und nimmt das Hybridauto als Vergleichspunkt: „Beim Hybrid-Auto wird immer ein Motor und ein Tank nicht genutzt, muss aber transportiert werden. Beim Blended Learning verzichten wir auf Skalierung, aber haben trotzdem hohe Entwicklungskosten“ (vgl. Wittke 2017). Klar, aus heutiger Sicht scheint das Hybrid-Auto eine notwendige Übergangslösung: Sich weiterhin nur auf Verbrennungsmotoren als Energiequelle zu verlassen ist ökologisch und wirtschaftlich nicht haltbar. Doch sind rein elektrisch angetriebene Fahrzeuge noch nicht praktikabel (Reichweite, Lade-Infrastruktur, Kosten). Ähnlich verhält es sich mit dem digitalen Lernen: Selbstredend gehört E-Learning in ein modernes Lern- und Methodenkonzept. Solange aber die Technik die (theoretisch fundierten) sozialen Aspekte des Lernens nicht mindestens gleichwertig abbilden kann, können wir Bildung noch nicht ausschließlich digital denken.

 

Posted on 28. September 2017 in Blended Learning, Education, Flipped Classroom, Forschung, LHW Academy, MOOCS, Technik & Lernen

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Franz Steinberger

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Franz Steinberger mag gute Inhalte - und wenn diese auf eine tolle technische Umsetzung treffen, ist er glücklich. Er wirkt bei Lernhandwerk als Konzepter, Didaktiker und Content-Entwickler.
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